Attraktive Freizügigkeitslösungen bei Arbeitslosigkeit

Fabio Preite, Partner PensExpert AG

Wer vor dem Erreichen des 58. Altersjahres arbeitslos wird und aus der Pensionskasse (PK) ausscheidet, kann die obligatorische Vorsorge (AHV Lohnanteile bis CHF 84’600) bei der Stiftung Auffangeinrichtung BVG weiterführen. Alternativ kann das PK-Vermögen auch bei einer Freizügigkeitsstiftung parkiert werden. Dabei ist es ratsam, Stiftungen zu wählen, welche möglichst grosse Anlagefreiräume bieten, damit das Kapital effizient arbeiten kann. Dies kann sich vor allem für ältere Vorsorgenehmer lohnen, deren Chancen gering sind, eine neue Stelle zu finden. Sie können langfristig agieren. Und je langfristiger der Anlagehorizont ist, umso renditeträchtiger kann das Kapital angelegt werden. Der Anlagehorizont hört nicht zwingend mit dem Kapitalbezug auf, welcher spätestens im Alter 69/70 zu erfolgen hat.

Das Anlageportfolio kann bei Freizügigkeitsstiftungen mit freier Wahl der Anlagestrategie von einem autorisierten Vermögensverwalter im Rahmen des Berufsvorsorgegesetzes und in Abstimmung mit dem Privatvermögen verwaltet und beim Bezug ins private Bankdepot übertragen werden. Grundsätzlich können nur gut 50% des Kapitals in Aktien investiert werden, wobei je nach Anlagereglement auch höhere Quoten möglich sind. Ein hoher Aktienanteil hat sich in der Vergangenheit in den meisten Phasen bezahlt gemacht. So lieferten Strategiefonds in den vergangenen fünf Jahren Durchschnittrenditen von bis zu 7% pro Jahr. Damit wird ohne Kapitalverzehr der offizielle Umwandlungssatz auf dem obligatorischen Kapital von 6,8% übertroffen.

Gewisse Freizügigkeitsstiftungen offerieren zudem interessante weitere Optionen. So kann ein Teil des Freizügigkeitsvermögens mittels speziellen Anlageinstrumenten zur Eigenheimfinanzierung herangezogen werden. Bei grösseren Vermögen sind zudem Einzelanlagen möglich. Für überobligatorische Vorsorgegelder gibt es inzwischen erste Freizügigkeitsstiftungen, welche ab einem bestimmten Vermögen lebenslange Altersrenten verbunden mit einer optionalen Partnerrente ermöglichen.

Bei Personen, die zum Zeitpunkt der Auszahlung in der Schweiz wohnhaft sind, wird die Kapitalauszahlung zu einem reduzierten Steuersatz am Wohndomizil besteuert. Um eine mögliche Progression bei der Besteuerung weiter zu brechen und um die Flexibilität beim Bezug zu erhöhen, sollte das Freizügigkeitsvermögen auf zwei verschiedene Freizügigkeitseinrichtungen transferiert werden. So kann der Bezug gestaffelt über verschiedene Steuerjahre erfolgen. Bei einem Wohnortwechsel ins Ausland ist es wichtig, eine Stiftung mit Sitz an einem steuergünstigen Domizil zu wählen, denn bei der Auszahlung der Gelder kommt der Steuertarif am Stiftungsdomizil zur Anwendung. Je nach Doppelbesteuerungsabkommen zwischen der Schweiz und dem neuen Wohnsitzland, kann die Quellensteuer zurückgefordert werden.

Um die Vorteile von Freizügigkeitskonti zu nutzen, müssen diese vom Inhaber proaktiv strukturiert und bewirtschaftet werden. Dies erfordert einige Grundkenntnisse und in komplexen Fällen eine professionelle Beratung. Denn in der Vorsorge bestehen, abgesehen von den anlagetechnischen Problemstellungen, etwelche Fallstricke in den Bereichen Steuer-, Erb- und Konkursrecht, die unbedingt vermieden werden sollten.

 

Mehr Selbstverantwortung zur Sicherung des Lebensstandards

Andreas Blattner ist Niederlassungsleiter bei der PensExpert in Basel

Gemäss Bundesverfassung ist es seit 1985 Ziel, ab der ordentlichen Pensionierung (Alter 65/64) ein Renteneinkommen zusammen aus AHV und dem obligatorischen Teil der Pensionskasse von 60 Prozent des bisherigen Erwerbseinkommens zu erreichen, um den gewohnten Lebensstandard angemessen fortzuführen. Wie sieht es heute aus? Statt vier Prozent Verzinsung (1985-2002) auf dem obligatorischen Altersguthaben ist seit 2017 nur noch ein Prozent Zins garantiert, und statt mit 7,2 Prozent (1985-2004) wird das Kapital seit 2014 noch mit 6,8 Prozent in eine lebenslängliche Rente umgewandelt, mit einem weiteren geplanten Abbau bis auf sechs Prozent.

 

Kann das Leistungsziel in diesem Umfeld überhaupt noch gehalten werden? Alle Erwerbstätigen mit einem Lohn bis rund 85 000 Franken pro Jahr erreichen das Ziel von 60 Prozent wie bisher; doch bei Löhnen über dem Obligatorium von 85 000 Franken ist dies anders. Es gibt dort weder Zinsgarantie noch vorgegebene Umwandlungssätze. Mit einem Lohn von 100 000 Franken liegen wir noch bei einer Zielerreichung von 52 Prozent, von 150 000 bei 35 Prozent, von 200 000 bei 26 Prozent. Um auf das Rentenziel von 60 Prozent aus AHV und PK zu kommen, müssten bei einem Lohn von 100 000 Franken ab Alter 25 während 40 Jahren zusätzlich 1700 Franken angespart werden, bei 150 000 schon 5800 Franken, und bei 200 000 sind es bereits 10 000 Franken, jeweils pro Jahr. Sofern das Kapital während der 40 Beitragsjahre (Alter 25-65) mit einer höheren Durchschnittsrendite angelegt werden kann, so kann auf höhere Sparbeiträge verzichtet werden. Bei einem Lohn von 100 000 Franken sind zwei Prozent, bei 150 000 sind 2,75 Prozent und bei 200000 Franken sind bereits 3,1 Prozent pro Jahr erforderlich. Dieses Ziel lässt sich für versicherte Löhne insbesondere im überobligatorischen Bereich mit einer schwergewichtig sachwertorientierten Anlagestrategie (zum Beispiel Aktien, Immobilien) realisieren.

 

Was tun? Folgende Massnahmen stehen zur Verfügung und führen mit einer geschickten Kombination zum Leistungsziel von 60 Prozent:

  • Erstens, unbedingt auch auf Lohnanteilen höher als 85 000 Franken planmässig sparen, am besten auf dem ganzen AHV-Lohn (abzüglich Koordinationsabzug).
  • Zweitens, die vom Gesetz vorgesehenen prozentualen Altersgutschriften von sieben, zehn, 15 und 18 Prozent um mindestens zwei Prozent erhöhen.
  • Drittens, das persönliche Alterskapital für Lohnanteile höher 85 000 Franken unter Ausschöpfung der gesetzlich zulässigen Anlageinstrumente und abgestimmt auf Risikofähigkeit und Risikoneigung besser rentierend investieren.
  • Viertens, die Pensionskassenlösung zwecks Risikodiversifikation und wegfallender Quersubventionierung in eine Basis- und eine separate Kader-/Zusatzvorsorge aufteilen.
  • Fünftens, einen erfahrenen Pensionskassenspezialisten für die Konzeption und Plangestaltung einer massgeschneiderten, ganzheitlichen Vorsorgelösung beiziehen.

Für den Alterskapitalbezug nach Deutschland

Andreas Blattner ist Niederlassungsleiter bei der PensExpert in Basel

Schweizer Vorsorgegelder können in Deutschland neuerdings zum Teil steuerfrei bezogen werden. Dies sind gute Nachrichten für Personen, welche in die Schweizer Berufsvorsorge einzahlen und den Ruhestand in Deutschland geniessen wollen. Wie immer muss allerdings das Kleingedruckte genau gelesen werden.

 

Gemäss einem Urteil des deutschen Bundesfinanzhofs sind ab sofort Kapitalauszahlungen aus der überobligatorischen beruflichen Schweizer Vorsorge in Deutschland weitgehend von der Besteuerung befreit. Komplett steuerfrei sind sie, wenn der Beziehende vor dem 1. Januar 2005 in das Schweizer Vorsorgesystem eingetreten ist und die Mitgliedschaft im Auszahlungszeitpunkt mindestens zwölf Jahre ununterbrochen bei derselben oder nacheinander bei verschiedenen Pensionskassen bestanden hat. Bei einem späteren Eintritt in das Schweizer Vorsorgesystem unterliegt die Differenz zwischen Kapitalleistung und einbezahlten Beiträgen (Performance und Kapitalerträge) zu hundert Prozent, bei einem Bezug nach Vollendung des 60. Altersjahres zu 50 Prozent der individuellen Einkommenssteuer. Das Vorsorgevermögen aus dem Überobligatorium sollte als steuerfreies Kapital und nicht als Rente bezogen werden. Denn Rentenleistungen aus der überobligatorischen beruflichen Vorsorge unterliegen mit einem gesetzlich festgelegten Ertragsanteil der individuellen Einkommenssteuer. Der prozentuale Ertragsanteil variiert je nach Alter des Rentenbezügers zwischen neun und 59 Prozent. Das Pensionskassenvermögen aus der obligatorischen beruflichen Vorsorge kann sowohl als Rente als auch als Kapital bezogen werden. Steuerlich gesehen wird beides gleich behandelt.

 

Beide Bezugsformen unterliegen weiterhin dem im Auszahlungsjahr gesetzlich festgelegten Besteuerungsanteil (2017: 74 Prozent) der individuellen Einkommenssteuer. Von dieser günstigen Rechtsprechung können auch auswanderungsfreudige Schweizer profitieren. Bei der Auszahlung wird eine Quellensteuer erhoben, die aufgrund des Doppelbesteuerungsabkommens zwischen der Schweiz und Deutschland zurückgefordert werden kann. Entscheidend ist das Timing: An dem Tag, an dem die Kapitalleistung fällig wird, muss der zivil- und steuerrechtliche Wohnsitz bereits nach Deutschland verlegt worden sein. Frühzeitiges Planen lohnt sich. Zudem müssen deutsche Grenzgänger beziehungsweise deren Pensionskassen und Arbeitgeber einige neue steuerliche Bestimmungen beachten: Rückwirkend zum 1. Januar 2016 muss bei der deutschen Steuererklärung angegeben werden, wie die Arbeitgeber und auch die Arbeitnehmerbeiträge der beruflichen Vorsorge in einen obligatorischen und überobligatorischen Teil aufzuteilen sind. Um Rückfragen zu vermeiden, sollten Schweizer Arbeitgeber den von ihnen beschäftigten Grenzgängern eine separate Bescheinigung als Beilage zum Schweizer Lohnausweis über die bezahlten Sozialversicherungsbeiträge ausstellen.

 

 

Fintech: Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen

Blog_PZ_2Die explosive Verbreitung von Fintech trifft auch im Vorsorgebereich auf Nachahmer. Sie erlaubt es jedermann, Finanztransaktionen zu tätigen, ohne die Beratung eines Finanzdienstleisters in Anspruch zu nehmen. Insbesondere zeigt sich das Potenzial in flexibleren und freieren Sektoren wie der Kadervorsorge oder der Säule 3a. Versicherte, die einen solchen Vertrag abschliessen, können ihre Anlagestrategie frei und individuell wählen. Die Entwicklung von Computergesteuerten Vermögensverwaltungs-Programmen kommt diesem Anspruch nach Flexibilität entgegen. Nur wenige Klicks genügen, um beispielsweise eine Strategie mit einem konservativen, ausgeglichenen oder profit-orientierten Profil zu wählen. Umso mehr wird mit dieser Technologie ein internet-affines Publikum des Typs „jüngeres Kader“ oder „Unternehmer“ angesprochen. Jene vor allem, die erst über die finanziellen Mittel verfügen, um in eine begrenzte Anzahl Fonds zu investieren.

Was passiert aber, wenn ein Vorsorgeinhaber, der bereits mehrere hunderttausend Franken besitzt, sich mit dem Alter die Fragen eines Einkaufs, einer Frühpensionierung oder einer Auswanderung aus der Schweiz stellt? Oder wenn der Hauseigentümer mit seinem Kapital Hypotheken amortisieren möchte? Kurzum, auch wenn die Vorteile der Informationstechnologien unbestritten sind und sie das Leben vieler Versicherter vereinfachen, ist häufig persönlicher Rat aus Expertenhand gefragt, um mögliche Risiken von Fehlentscheiden und Verluste zu verhindern. In einer Zeit, in der viele relativ standardisierte Aufgaben in Wirtschaftsbereichen automatisiert worden sind, ist der Mensch einem Roboter stets einen Schritt voraus. Dann nämlich, wenn auf komplexe menschliche Bedürfnisse geantwortet werden muss – ziemlich beruhigend irgendwie.

Spezifisches Vorsorge-Wissen begünstigt gemäss Universität Basel eine effiziente Vorsorge

Eine Studie von Prof. Dr. Jörg Rieskamp und Dr. Andreas Pedroni an der Fakultät für Psychologie der Universität Basel zeigt: Wer freiwillig vorsorgt, muss die Selbstbeherrschung haben, auf gegenwärtigen Konsum zu verzichten, und das Wissen, in Zukunft mit dem gesparten Geld Mehrwert zu haben. Beim Wissen geht es interessanterweise nicht um das allgemeine Verständnis von Finanzfragen (Financial Literacy), sondern um spezifische Kenntnisse, wie das konkrete Vorsorgesystem funktioniert, in dem die Vorsorge getroffen wird. Die Studienautoren zeigen dies anhand einer Umfrage zur freiwilligen Säule 3a: 90% der Befragten mit guten Kenntnissen besitzen ein 3a-Konto, von denjenigen mit geringem Wissen aber nur 54%. Personen mit höherem Wissen über das Vorsorgesystem zahlen gemäss der Studie nicht nur häufiger, sondern auch mehr in die Säule 3a ein. Besonders ältere männliche Personen (max. 45-jährig) mit hohem Einkommen und sehr guter Bildung haben bedeutend mehr in ihre Säule 3a einbezahlt. Die Differenz der 3a-Einzahlungen von Menschen mit geringem Wissen über das Vorsorgesystem zu den Einzahlungen derjenigen mit hohem Wissen liegt in der gleichen Grössenordnung wie die Erhöhung der 3a-Einzahlungen die durch eine Steigerung von zwei Einkommenskategorien zustande kommt. Trotz dieses starken Effekts ist es schwierig, eine Aussage über die Kausalität dieses Effektes zu machen. Es ist wahrscheinlich, dass Menschen, die mehr vorsorgen, sich auch eingehender mit dem System befassen und Wissen über die Altersvorsorge erworben haben, meinen die Autoren der Studie. Diese Studie stützt meine Auffassung, dass die Effizienz und Akzeptanz unseres Vorsorgesystems mit systematischer Ausbildung erhöht werden kann.