«Die finanzielle Nachhaltigkeit ist längst nicht mehr gesichert»

Dr. sc. techn. Jérôme Cosandey setzt sich als Senior Fellow und Forschungsleiter Finanzierbare Sozialpolitik von Avenir Suisse vorwiegend mit der Altersvorsorge, Gesundheitspolitik sowie mit dem Generationenvertrag auseinander.

Das Dreisäulenkonzept der Schweizer Altersvorsorge ist weiterhin ein Erfolgsmodell. Doch weil der Reformwille fehlt, droht die finanzielle Schieflage. Ein Gespräch mit Jérôme Cosandey, dem Forschungsleiter Sozialpolitik von Avenir Suisse.

 

PensExpert: Sie sind Mitte 40 und müssen noch mindestens 20 Jahre arbeiten. Wie haben Sie ihre persönliche Altersvorsorge organisiert?

Jérôme Cosandey: Ich habe wie die meisten Schweizerinnen und Schweizer die AHV, die zweite Säule meines Arbeitgebers sowie eine steuerbegünstigte Säule 3a, in die ich freiwillig einzahle. Zudem besitze ich Wohneigentum, das ebenfalls einen Teil meiner dritten Säule ausmacht. Zu einer nachhaltigen Altersvorsorge gehören jedoch auch andere Faktoren: Wie und wo wohne ich? Wie kann ich die nötigen Fach- und Sozialkompetenzen entwickeln, um für den Arbeitsmarkt fit zu bleiben? Auch wenn es banal klingt: eine florierende Wirtschaft und die Möglichkeit, dabei einen Job zu haben, sind die wichtigsten Pfeiler einer guten Altersvorsorge.

 

Unsere Altersvorsorge stammt aus den 1970-er Jahren. Ist dieses Dreisäulenkonzept noch zeitgemäss?

Das Dreisäulenmodell ist weiterhin angebracht, weil es auf unterschiedlichen Finanzierungsformen beruht. Die Finanzierung der ersten Säule ist im Umlageverfahren organisiert, d.h. die Lohnbeiträge und ein Teil der Steuern eines Jahres decken die laufenden Renten. Diese Einnahmen hängen primär von der Schweizer Konjunktur ab. Die zweite Säule basiert auf dem Kapitaldeckungsverfahren. Jeder spart grundsätzlich über seine Pensionskasse Gelder für sich, die in der Schweiz, aber auch im Ausland investiert werden. So lässt sich das Finanzierungsrisiko international diversifizieren. Die dritte Säule ist von der Finanzierung her ähnlich wie die zweite Säule. Sie beruht aber auf Freiwilligkeit. In schlechten Jahren kann der Sparplan angepasst werden. Das Dreisäulenmodell bietet somit Risikodiversifikation und Flexibilität. Dieses Grundkonstrukt ist daher nach wie vor zeitgemäss. Es heisst aber nicht, dass alles rund läuft. 

 

Wo sehen Sie den dringendsten Handlungs- und Reformbedarf?

Die finanzielle Nachhaltigkeit der ersten und der zweiten Säule ist nicht mehr gesichert, die Gründe hingegen sind verschieden. Bei der ersten Säule ist es primär demografiebedingt. Da in den nächsten Jahren die geburtenstarken Jahrgänge, die sogenannten Babyboomer, den Arbeitsmarkt verlassen, gibt es viel weniger Leute, die Lohnbeiträge einzahlen werden. Gleichzeitig werden mehr Personen als je zuvor eine Rente beziehen. Bei der zweiten Säule wurden in der Vergangenheit Rentenversprechen abgegeben, die auf Nominalrenditen beruhten. Weil nun aber die Inflation deutlich gesunken ist, sind diese Renditen kaum mehr zu realisieren. Deshalb muss der Umwandlungssatz dringend nach unten angepasst werden. Über das Ob wird heute zum Glück nicht mehr gestritten. Die Frage ist, wie weit dieser gesenkt werden soll und mit welchen begleitenden Massnahmen.

 

Längere Lebenserwartung, hoher Umwandlungssatz, tiefe Zinsen: Blutet die berufliche Vorsorge aus?

Die reale Verzinsung der Sparkapitalien ist immer noch positiv. Aus Sparersicht ist das Kapitaldeckungsverfahren weiterhin lohnenswert. Das Problem ist, dass die Rentnerinnen und Rentner aufgrund zu hoher Umwandlungssätze heute durch die aktive Bevölkerung quersubventioniert werden. Das ist systemwidrig. Dadurch werden zwar die zweite Säule am Leben erhalten und Reformen verzögert, dies jedoch auf Kosten der jüngeren Generationen.

 

Ist das Rentenalter 65 noch zeitgemäss?

Wo sonst, wenn nicht in der Schweiz muss über eine Erhöhung des Rentenalters gesprochen werden? Wir haben eine der höchsten Lebenserwartungen weltweit. Wir haben eine Wirtschaft, die stark vom Dienstleistungssektor abhängig ist, und somit weniger physische Abnützung von den Bürgern verlangt. Und die Erwerbsquote der älteren Mitarbeiter ist sehr hoch, auch im internationalen Vergleich. Dennoch ist die Anpassung des Rentenalters bei uns ein Tabu. Anders läuft es in 17 OECD-Ländern. Diese haben eine Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre oder mehr beschlossen, und zum Teil umgesetzt. Im internationalen Vergleich gehören wir mittlerweile zu den Schlusslichtern.

 

Was halten Sie von der Idee, das Rentenalter an die Lebenserwartung zu koppeln?

Das ist ein interessanter Ansatz, der in Ländern wie Dänemark oder Holland bereits verfolgt wird. Es heisst nicht, dass jeder Tag gewonnener Lebenserwartung am Arbeitsplatz verbracht werden muss. Gemäss einer simplen Rechnung verbringt man heute 40 Jahre im Job und 20 Jahre in Pension. Man könnte die sieben Wochen zusätzliche Lebenserwartung, die man jährlich gewinnt, nach demselben Verhältnis aufteilen. Das hiesse zwar, dass jeder circa vier Wochen später pensioniert würde als seine um ein Jahr älteren Kollegen. Doch trotz dieser verzögerten Pensionierung, die zur finanziellen Sanierung der Vorsorge signifikant beitragen würde, käme jeder Einzelne in den Genuss von rund drei zusätzlichen Wochen in Rente.

 

Gibt es andere Pensionierungsmodelle?

Gefragt sind sowohl bei den Arbeitgebern und Arbeitnehmern flexible Übergänge. Anstatt bis 65 Jahren zu arbeiten und dann schlagartig von 100 Prozent auf 0 Prozent zu reduzieren, wäre es besser, das Arbeitspensum bereits früher schrittweise zu senken. Dafür würde man über das Rentenalter von 65 Jahren hinaus arbeiten.

 

Sehen Sie konkrete Beispiele, die Regulierungsdichte in der beruflichen Vorsorge zu reduzieren?

Es gibt eine Tendenz zunehmend im Bereich des Überobligatoriums zu regulieren. Im vergangenen Jahr hat der Bundesrat z.B. neue Schikanen eingebaut. So gelten für 1e-Pläne strengere Vorschriften bei der Berechnung der maximalen Einkaufssumme als bei klassischen Vorsorgeplänen. Das ist der falsche Weg. Hier müsste die Politik ansetzen.

 

Sie fordern unter anderem die Einführung einer freien Pensionskassenwahl für die Versicherten. Welche Vorteile sehen Sie darin?

Es gibt zunehmend Leute, die nicht nur bei einem, sondern gleichzeitig bei mehreren Arbeitgebern tätig sind. Wenn diese Personen nur eine einzige Pensionskasse hätten, könnten sie alle Lohnbeitrage an einem Ort kanalisieren. Es gibt noch weitere Gründe. Bei einer sogenannten Teilliquidation einer Pensionskasse – zum Beispiel infolge einer Werkschliessung – verlieren die Leute heute nicht nur ihren Job, sondern möglicherweise auch einen Teil ihres angesparten Kapitals, falls die Pensionskasse in Unterdeckung liegt. Bei der freien Wahl der Pensionskassen könnte der Mitarbeiter mindestens sein BVG-Guthaben bei seiner Pensionskasse lassen. Bei der freien Wahl würde sich zudem der Wettbewerb unter den Pensionskassen verstärken und zu einer Konsolidierung des Marktes führen. Nach unseren Schätzungen wären damit jährliche Einsparungen bei den (Vermögens-)Verwaltungskosten von 800 Mio. Franken möglich. Fairerweise muss man sagen, dass im Gegenzug die Marketingausgaben steigen würden.

 

Inwiefern würde die freie Wahl die aktuellen Probleme der Altersvorsorge lösen?

Auf die Problematik der zu hohen Umwandlungssätze hätte die freie Wahl durch die Versicherten kaum Auswirkungen. Aber sie würde die zunehmende Individualisierung der Erwerbsbiografien besser spiegeln und wäre somit eine zeitgemässe Lösung.

 

Mehr Selbstverantwortung zur Sicherung des Lebensstandards

Andreas Blattner ist Niederlassungsleiter bei der PensExpert in Basel

Gemäss Bundesverfassung ist es seit 1985 Ziel, ab der ordentlichen Pensionierung (Alter 65/64) ein Renteneinkommen zusammen aus AHV und dem obligatorischen Teil der Pensionskasse von 60 Prozent des bisherigen Erwerbseinkommens zu erreichen, um den gewohnten Lebensstandard angemessen fortzuführen. Wie sieht es heute aus? Statt vier Prozent Verzinsung (1985-2002) auf dem obligatorischen Altersguthaben ist seit 2017 nur noch ein Prozent Zins garantiert, und statt mit 7,2 Prozent (1985-2004) wird das Kapital seit 2014 noch mit 6,8 Prozent in eine lebenslängliche Rente umgewandelt, mit einem weiteren geplanten Abbau bis auf sechs Prozent.

 

Kann das Leistungsziel in diesem Umfeld überhaupt noch gehalten werden? Alle Erwerbstätigen mit einem Lohn bis rund 85 000 Franken pro Jahr erreichen das Ziel von 60 Prozent wie bisher; doch bei Löhnen über dem Obligatorium von 85 000 Franken ist dies anders. Es gibt dort weder Zinsgarantie noch vorgegebene Umwandlungssätze. Mit einem Lohn von 100 000 Franken liegen wir noch bei einer Zielerreichung von 52 Prozent, von 150 000 bei 35 Prozent, von 200 000 bei 26 Prozent. Um auf das Rentenziel von 60 Prozent aus AHV und PK zu kommen, müssten bei einem Lohn von 100 000 Franken ab Alter 25 während 40 Jahren zusätzlich 1700 Franken angespart werden, bei 150 000 schon 5800 Franken, und bei 200 000 sind es bereits 10 000 Franken, jeweils pro Jahr. Sofern das Kapital während der 40 Beitragsjahre (Alter 25-65) mit einer höheren Durchschnittsrendite angelegt werden kann, so kann auf höhere Sparbeiträge verzichtet werden. Bei einem Lohn von 100 000 Franken sind zwei Prozent, bei 150 000 sind 2,75 Prozent und bei 200000 Franken sind bereits 3,1 Prozent pro Jahr erforderlich. Dieses Ziel lässt sich für versicherte Löhne insbesondere im überobligatorischen Bereich mit einer schwergewichtig sachwertorientierten Anlagestrategie (zum Beispiel Aktien, Immobilien) realisieren.

 

Was tun? Folgende Massnahmen stehen zur Verfügung und führen mit einer geschickten Kombination zum Leistungsziel von 60 Prozent:

  • Erstens, unbedingt auch auf Lohnanteilen höher als 85 000 Franken planmässig sparen, am besten auf dem ganzen AHV-Lohn (abzüglich Koordinationsabzug).
  • Zweitens, die vom Gesetz vorgesehenen prozentualen Altersgutschriften von sieben, zehn, 15 und 18 Prozent um mindestens zwei Prozent erhöhen.
  • Drittens, das persönliche Alterskapital für Lohnanteile höher 85 000 Franken unter Ausschöpfung der gesetzlich zulässigen Anlageinstrumente und abgestimmt auf Risikofähigkeit und Risikoneigung besser rentierend investieren.
  • Viertens, die Pensionskassenlösung zwecks Risikodiversifikation und wegfallender Quersubventionierung in eine Basis- und eine separate Kader-/Zusatzvorsorge aufteilen.
  • Fünftens, einen erfahrenen Pensionskassenspezialisten für die Konzeption und Plangestaltung einer massgeschneiderten, ganzheitlichen Vorsorgelösung beiziehen.

Die Anlagepolitik des AHV-Fonds

Manuel Leuthold compenswiss

Manuel Leuthold ist seit dem 1. Januar 2016 Verwaltungsratspräsident des AHV/IV/EO Ausgleichsfonds compenswiss

Was bedeutet die Ablehnung der Altersrentenreform für die Anlagepolitik der AHV? Und inwiefern unterscheiden sich die Anlagestrategien von AHV und Pensionskassen? Im Gespräch mit PensExpert erläutert der Verwaltungsratspräsident des AHV/IV/EO Ausgleichsfonds compenswiss, Manuel Leuthold, einige zentrale Fragen.

 

Nach der Ablehnung der Rentenreform wird der AHVFonds gemäss Schätzungen des Bundesamts für Sozialversicherungen BSV bis 2030 nahezu leer sein. Welchen Einfluss wird dies auf den von Ihnen verwalteten Ausgleichsfonds haben?

Für uns ändert das Ergebnis der Abstimmung nichts am Szenario, mit dem wir seit längerem arbeiten. Dazu gehört, dass wir Risiko und Liquidität dem Zeithorizont anpassen müssen. Daher werden wir weiterhin eine sehr vorsichtige Vermögensverwaltung verfolgen, um unsere drei gesetzlichen Vorlagen einzuhalten. Die erste ist, jederzeit die Liquidität sicherzustellen. Wegen des AHV-Umlageverfahrens ist es unsere Aufgabe, die Kosten für ein ganzes Jahr – also etwa CHF 50 Mrd. – zu decken, um die Renten zu finanzieren. Die beiden anderen Vorgaben sind Sicherheit und eine marktkonforme Rendite. Ab 2018 werden wir auch den Wegfall vorübergehender Stützungsmassnahmen zugunsten der IV und das Ende der Zinszahlungen für die Schulden der IV an die AHV durch den Bund berücksichtigen müssen.

 

Sie haben die Möglichkeit erwähnt, Ihre Anlagen zu diversifizieren und zum Beispiel in Private Equity, in Schweizer Startups oder auch in Hypotheken zu investieren. Wo stehen Sie hier nach der Abstimmung?

In dieser Konstellation sind diese Arten von Anlagen klar nicht vernünftig. Aus Anlageinstrumenten wie Private Equity kann man im Allgemeinen erst nach 10 Jahren zu guten Konditionen aussteigen. Wir brauchen aber Liquidität und regelmässige Erträge, um das jährlich wachsende Defizit der AHV wenigstens teilweise auszugleichen. Hypotheken haben den Vorteil, dass sie in Schweizer Franken abgeschlossen werden und ein wiederkehrendes Einkommen generieren. Aber auch sie bedingen ein langfristiges Engagement. Ohne die hohen Kosten für das Schaffen einer ihr angepassten Verwaltungsstruktur zu berechnen. Auch die Investition in Startups setzt einen langfristigen Zeithorizont voraus. Wir überprüfen alljährlich die Lage der Makroökonomie sowie der Finanzmärkte und passen unsere Allokation entsprechend an. Angesichts der unsicheren Perspektiven besteht aktuell kein Anlass, unsere Strategie zu ändern.

 

Marktportfolio-Allokation per 31.12.2016

 

Die Ausgleichsfonds müssen ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Risiko und Ertrag ermitteln und gleichzeitig einen hohen Bestand an Liquidität bewahren. Wie lösen Sie dieses Dilemma im aktuellen tiefen oder sogar negativen Zinsumfeld?

Im Unterschied zu den Pensionskassen sind wir nicht den Anlagerichtlinien BVV2 unterstellt, was uns eine grössere Freiheit bei der Wahl der Investitionen verleiht. Aber wir müssen sicher sein, dass die erwarteten Erträge mit den Risiken übereinstimmen, die wir uns erlauben können. Unser Risikobudget für Sozialwerke beträgt bezogen auf die Volatilität derzeit etwa 4 %. Die gegenwärtige Lage der Märkte mit einer sehr geringen Volatilität erlaubt uns, traditionell volatileren Anlageklassen höhere Beträge zuzuweisen. Wir hoffen so, mit vertretbarem Risiko höhere Erträge als in der Vergangenheit üblich zu erzielen. Im gegenwärtigen Umfeld sind es Aktien, aber auch festverzinsliche Investitionen in Fremdwährungen und Immobilien, die gut performen.

 

Wie unterscheidet sich die Anlagestrategie des AHVFonds von der Strategie einer Pensionskasse?

Zunächst gilt es festzuhalten, dass eine Pensionskasse mit dem Kapitalisierungansatz arbeitet. Die jährlichen Ausgaben entsprechen daher in etwa einem Zehntel des Vermögens. In unserem Fall belaufen sich die jährlichen Ausgaben auf ca. 130 % des Vermögens. Im Weiteren hängen diese von jeder Kasse sowie dem Profil der Versicherten ab. Aber der grösste Unterschied betrifft den Zeithorizont, der in unserem Fall begrenzt ist. Ich glaube nicht, dass viele Vorsorgeeinrichtungen davon ausgehen, dass ihre Kassen bis 2030 leer sind! Dazu kommt, dass wir aus historischen Gründen kein Immobilienvermögen haben. Auch kenne ich wenige Pensionskassen, die zwei Drittel ihres Vermögens im Ausland investieren, wie wir es wegen unserer Grösse tun.

 

Wie beurteilen Sie den Ruf nach immer höheren Anlagerisiken in der beruflichen Vorsorge?

Es ist zu präzisieren, dass diese Nachfrage vor allem durch den Zwang diktiert wird, höhere Renditen zu erzielen. Die Pensionskassen unterliegen den BVV2-Richtlinien und haben die Verpflichtung, unter anderem den gesetzlichen BVG-Mindestzinssatz zu erwirtschaften. Eine Erhöhung der Anlagerisiken kann sicher dann in Betracht gezogen werden, wenn eine Pensionskasse nach erfolgter Asset- und Liability-Analyse über einen klar positiven Deckungsgrad verfügt. Die Pensionskassen wären aber schlecht beraten, wenn sie die Vorsorgevermögen für Investitionsziele verwenden würden, die nicht im Interesse der Versicherten liegen.

 

 

Nein zur Rentenreform 2020 – gut für die Jungen aber schlecht für die AHV

Mit einem Gesamtpaket wollte Bundesrat Alain Berset die erste und die zweite Säule stabilisieren. Die Rentenreform 2020 war aber zu kompliziert und zu wenig transparent für die Bürger. Mit einem Nein an der Urne war deshalb zu rechnen. Für die Jungen ist das eine gute Nachricht. Denn sie und die nachfolgenden Generationen hätten die Kosten für die Reform tragen müssen. Trotz Ablehnung der Vorlage, das Volk wäre offen für dringend notwendige Reformen. Dabei hat die AHV sicher Priorität. Das Frauen AHV-Rentenalter muss in einer ersten Phase auf Alter 65 angehoben werden und langfristig ist eine generelle Erhöhung des AHV-Alters anzustreben. Mit dem gestrigen Nein bleibt auch der Umwandlungssatz im Obligatorium der 2. Säule weiterhin bei 6,8% und damit eindeutig zu hoch. Entsprechend wird die Mehrheit der Pensionskassen das überobligatorische Altersguthaben weiterhin als Quersubventionierungstopf einsetzen. Diese Umverteilung ist systemfremd und für die Versicherten nicht transparent. Aber dieser Umstand wird vermutlich noch länger Bestand halten; denn an der Urne hätte eine Umwandlungssatzreduktion kaum eine Chance.

Reform 2020: Was sich in der zweiten Säule ändert

Die AHV und die berufliche Vorsorge (BVG) sind nicht nachhaltig finanziert. Ohne Reform der beiden Säulen verschlechtert sich die finanzielle Schieflage weiter. Eine strukturelle Anpassung ist überfällig. Das Ziel der Altersreform 2020 ist letztlich, das Leistungsniveau im Zusammenspiel von AHV und BVG zu sichern. Es geht also um weit mehr als die zusätzlichen 70 Franken AHV-Rente für Neurentner pro Monat.

 

Auswirkungen bei der beruflichen Vorsorge

Auswirkungen bei der beruflichen Vorsorge

Indem der Koordinationsabzug sinkt, steigt der versicherte Lohn, auf welchem planmässige Sparbeiträge über 40 Jahre (von Alter 25 bis 65) für das Alter angespart werden (siehe Tabelle). In den 20 Jahren zwischen Alter 35 bis 54 werden die Sparbeiträge um jeweils einen Prozentpunkt erhöht, wodurch die kumulierten Sparbeiträge ab Alter 25 bis Alter 65 statt 500% neu 520% betragen. Daraus resultiert ein höheres Endaltersguthaben, mit dem die schrittweise Senkung des Umwandlungssatzes bis 2022 von 6.8% auf 6.0% aber nur teilweise aufgefangen werden kann. Insbesondere bei höheren Löhnen muss für die Altersvorsorge mehr ansparen, um das Leistungsniveau im Alter zu halten.

 

Die weiteren Kernelemente für die Entlastung der zweiten Säule sind:

  • Das Mindestalter für eine vorzeitige Pensionierung steigt von 58 auf 62 Jahre; dieses kann im Reglement der jeweiligen Vorsorgeeinrichtung auf minimal Alter 60 reduziert werden. Die flexiblen Bezugsmöglichkeiten beschränken sich somit grundsätzlich auf den Zeitraum zwischen Alter 62 bis 70.
  • Die Möglichkeit einer Teilpensionierung in drei Schritten wird neu im Gesetz der beruflichen Vorsorge (BVG) verankert. Dabei dürfen alle Teilbezüge der Altersleistung jeweils in Kapitalform erfolgen.
  • Selbständigerwerbende ohne eigenes Personal dürfen sich freiwillig nicht nur dem jeweiligen Berufsverband oder der Auffangeinrichtung anschliessen, sondern jeder Vorsorgeeinrichtung, welche dies in ihrem Reglement zulässt.
  • Die Rechtsprechung der vergangenen rund 20 Jahre fliesst in die BVG-Gesetzgebung ein und schafft damit Rechtssicherheit, was Rechtsfälle und Unsicherheiten teilweise abbaut.

 

Die vorliegende Reform ist ein Kompromisspaket und nicht der grosse Durchbruch. Weitere Reformen müssen auch nach einer allfälligen Annahme zügig angegangen werden. Nach der Reform 2020 ist vor der Reform 2030.