Die Auswanderung richtig planen

Ein Interview mit Martin Kaufmann, CEO und Gründer von Emigration Now

In einer globalisierten Welt sind immer mehr Erwerbstätige und Altersrentner bereit, ihren Wohnort vorübergehend oder definitiv ins Ausland zu verlegen. EMIGRATION NOW mit Sitz in Zürich ist eine erfahrene Beratungsfirma für sämtliche Auswanderungsthemen. Ihr Gründer Martin Kaufmann steht Rede und Antwort, welche steuerrelevanten Aspekte bei einer Auswanderung zu berücksichtigen sind.

Herr Kaufmann, zusammen mit Ihrem Team beraten Sie jährlich viele Auslandabreisende. Welche wichtigen Themen gehen bei Ihren Kunden oftmals vergessen oder werden unterschätzt?

Wir sorgen dafür, dass sich unsere Kunden mit allen wichtigen Auswanderungsaspekten umsichtig auseinandersetzen. Generell werden aber speziell die bürokratischen Aufwendungen der Wohnsitzverlegung, die Pre-Immigration-Steuerplanung, die wegzugsbedingte Neuausrichtung von Vermögendispositionen sowie – sehr häufig – die Nachlassplanung unterschätzt.

Welche Abreisedestinationen sind zurzeit am beliebtesten?

Hier drängt sich die Unterscheidung zwischen Auswanderung mit und ohne Erwerbstätigkeit auf. Für Erwerbstätige sind unsere Nachbarländer, die USA, Grossbritannien, die Wirtschaftszentren Asiens sowie Australien die Top-Destinationen. Privatiers und Pensionäre zieht es vornehmlich nach Deutschland und Frankreich, gefolgt von Italien, Spanien und Österreich. Dank eines attraktiven Steuerprogramms liegt aktuell Portugal im Trend. In ferneren Gefilden locken insbesondere die USA und Kanada, Südafrika sowie Thailand.

Ist der Steuersitz Kanton Schwyz beim Kapitalbezug der Vorsorgegelder in jedem Fall eine lohnenswerte Adresse? Oder sind bei der Besteuerung der Vorsorgegelder noch weitere Aspekte zu beachten?

Ausser bei Kleinstguthaben sind im Kanton Schwyz die geringsten Quellensteuerbelastungen anzutreffen. Wer in ein Land zieht, das schweizerische Kapitalbezüge nicht besteuert, kann daher durch den Transfer erhebliche Steuerersparnisse erzielen. In vielen der populärsten Auswanderungsdestinationen werden die Kapitalbezüge aber besteuert. Handelt es sich dabei um ein Land, das mit der Schweiz ein Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) führt und wo die Schweiz bei dortigem Wohnsitz eine Quellensteuerrückerstattung zulässt, dann spielt der Umweg via Kanton Schwyz steuerlich keine wesentliche Rolle. Eminent wichtig: Auswanderer sollten sich immer als Erstes über die Besteuerungsmodalitäten im Zielland informieren.

Bei Wohnsitz in Deutschland werden die überobligatorischen PK-Gelder beim Kapitalbezug vom Deutschen Fiskus kaum noch besteuert. Was war der Auslöser für diese Änderung?

Ein Urteil des deutschen Bundesfinanzhofes statuierte 2015 im Wesentlichen, dass Leistungen aus dem schweizerischen BVG-Überobligatorium steuerlich analog zu kapitalbildenden Lebensversicherungen zu behandeln seien. Kapitalleistungen können demnach steuerfrei (sofern die BVG-Deckung vor 2005 etabliert wurde und mindestens 12 Jahre bestand) oder mit geringen Belastungen vereinnahmt werden. Renten, die auf dem Überobligatorium basieren, sind dagegen nur mit geringen, altersabhängigen Besteuerungsanteilen erfasst. Deutschland ist somit für viele BVGLeistungsbezüger zum Steuerparadies mutiert.

Zwischen der Schweiz und der Bundesrepublik Deutschland besteht ein Doppelbesteuerungsabkommen (DBA). Die Schweizer Quellensteuer kann gemäss diesem DBA zurückgefordert werden. Somit ist die Nullbesteuerung der überobligatorischen PK-Guthaben praktisch Fakt! Ist dieser paradiesische Zustand nachhaltig oder ist eine Anpassung des DBA nur noch eine Frage der Zeit?

Die deutschen Regelungen werden Bestand haben. Denkbar ist indes, dass die Schweiz Massnahmen bezüglich der Quellensteuerrückerstattung ergreifen könnte. Die doppelte Nullbesteuerung von BVG-Kapitalbezügen ist der Eidgenössischen Steuerverwaltung ein Dorn im Auge.

Wie ist die Besteuerung von Vorsorgeguthaben bei einem Wegzug nach Italien oder Frankreich geregelt? Ist gemäss DBA eine Rückforderung der Quellensteuer auch vorgesehen?

Lange Zeit wurden Schweizer Kapitalbezüge in Italien regional uneinheitlich erfasst. Dieser Missstand wurde unlängst durch eine pragmatische Lösung behoben: Schweizer Renten und Kapitalbezüge werden nunmehr mit nur 5 % belastet. In Frankreich kann unter genau definierten Umständen (u.a. keine Teilbezüge) eine Nettosteuer von 6,75 % resultieren, ansonsten droht eine Einkommenssteuerbelastung von bis zu 45 %. Nach entsprechender Versteuerung in den beiden Ländern kann die kantonal erhobene Quellensteuer zurückverlangt werden.

Attraktive Freizügigkeitslösungen bei Arbeitslosigkeit

Fabio Preite, Partner PensExpert AG

Wer vor dem Erreichen des 58. Altersjahres arbeitslos wird und aus der Pensionskasse (PK) ausscheidet, kann die obligatorische Vorsorge (AHV Lohnanteile bis CHF 84’600) bei der Stiftung Auffangeinrichtung BVG weiterführen. Alternativ kann das PK-Vermögen auch bei einer Freizügigkeitsstiftung parkiert werden. Dabei ist es ratsam, Stiftungen zu wählen, welche möglichst grosse Anlagefreiräume bieten, damit das Kapital effizient arbeiten kann. Dies kann sich vor allem für ältere Vorsorgenehmer lohnen, deren Chancen gering sind, eine neue Stelle zu finden. Sie können langfristig agieren. Und je langfristiger der Anlagehorizont ist, umso renditeträchtiger kann das Kapital angelegt werden. Der Anlagehorizont hört nicht zwingend mit dem Kapitalbezug auf, welcher spätestens im Alter 69/70 zu erfolgen hat.

Das Anlageportfolio kann bei Freizügigkeitsstiftungen mit freier Wahl der Anlagestrategie von einem autorisierten Vermögensverwalter im Rahmen des Berufsvorsorgegesetzes und in Abstimmung mit dem Privatvermögen verwaltet und beim Bezug ins private Bankdepot übertragen werden. Grundsätzlich können nur gut 50% des Kapitals in Aktien investiert werden, wobei je nach Anlagereglement auch höhere Quoten möglich sind. Ein hoher Aktienanteil hat sich in der Vergangenheit in den meisten Phasen bezahlt gemacht. So lieferten Strategiefonds in den vergangenen fünf Jahren Durchschnittrenditen von bis zu 7% pro Jahr. Damit wird ohne Kapitalverzehr der offizielle Umwandlungssatz auf dem obligatorischen Kapital von 6,8% übertroffen.

Gewisse Freizügigkeitsstiftungen offerieren zudem interessante weitere Optionen. So kann ein Teil des Freizügigkeitsvermögens mittels speziellen Anlageinstrumenten zur Eigenheimfinanzierung herangezogen werden. Bei grösseren Vermögen sind zudem Einzelanlagen möglich. Für überobligatorische Vorsorgegelder gibt es inzwischen erste Freizügigkeitsstiftungen, welche ab einem bestimmten Vermögen lebenslange Altersrenten verbunden mit einer optionalen Partnerrente ermöglichen.

Bei Personen, die zum Zeitpunkt der Auszahlung in der Schweiz wohnhaft sind, wird die Kapitalauszahlung zu einem reduzierten Steuersatz am Wohndomizil besteuert. Um eine mögliche Progression bei der Besteuerung weiter zu brechen und um die Flexibilität beim Bezug zu erhöhen, sollte das Freizügigkeitsvermögen auf zwei verschiedene Freizügigkeitseinrichtungen transferiert werden. So kann der Bezug gestaffelt über verschiedene Steuerjahre erfolgen. Bei einem Wohnortwechsel ins Ausland ist es wichtig, eine Stiftung mit Sitz an einem steuergünstigen Domizil zu wählen, denn bei der Auszahlung der Gelder kommt der Steuertarif am Stiftungsdomizil zur Anwendung. Je nach Doppelbesteuerungsabkommen zwischen der Schweiz und dem neuen Wohnsitzland, kann die Quellensteuer zurückgefordert werden.

Um die Vorteile von Freizügigkeitskonti zu nutzen, müssen diese vom Inhaber proaktiv strukturiert und bewirtschaftet werden. Dies erfordert einige Grundkenntnisse und in komplexen Fällen eine professionelle Beratung. Denn in der Vorsorge bestehen, abgesehen von den anlagetechnischen Problemstellungen, etwelche Fallstricke in den Bereichen Steuer-, Erb- und Konkursrecht, die unbedingt vermieden werden sollten.

 

Versicherungsschutz – massgeschneidert

Jeremy Unterweter

Jeremy Unterweger ist Kundenberater bei der PensExpert AG in Zürich.

Seit einigen Jahren bietet die Freizügigkeitsstiftung Independent auch Versicherungsleistungen an. Je nach Lebenssituation können die Vorsorgenehmer dieses Angebot sinnvoll einsetzen – zu sehr attraktiven Prämien. Unser Vorsorgespezialist Jeremy Unterweger beantwortet die wichtigsten Fragen.

 

 

Individueller Versicherungsschutz in sämtlichen Lebenslagen: Wie sieht das bei einer längeren Sabbatical Abwesenheit aus? Genügt da nicht der Abschluss einer UVG Abredeversicherung?

Bei Beendigung eines Arbeitsverhältnisses sieht die berufliche Vorsorge nur eine gesetzliche Nachdeckungsfrist von einem Monat vor. Der Abschluss einer Abredeversicherung für maximal 180 Tage ist daher sicherlich empfehlenswert. Im Unterschied zur Abredeversicherung, welche nur Leistungen bei Unfall erbringt, bietet die Independent Versicherungslösung einen sogenannten Mischtarif an. Dieser deckt immer sowohl das Risiko Krankheit als auch das Risiko Unfall ab.

 

Gilt der Versicherungsschutz bei einem Sabbatical weltweit? Und wie sieht es beim Wohnsitz respektive Arbeitsort im Ausland aus?

Ja, bei einem Sabbatical ist die weltweite Versicherungsdeckung gegeben. Auch bei einem definitiven Wohnsitz respektive Arbeitsort im Ausland kann der Vorsorgenehmer von unserem Angebot profitieren. Voraussetzung: Vor der Abreise ins Ausland muss der Vorsorgenehmer für mindestens drei Jahre ununterbrochen bei der AHV/IV versichert gewesen sein.

 

Wie erfolgt die Finanzierung der Risikoprämien? Und wieso sind die Risikoprämien in der Regel tiefer als bei einer Lebensversicherung?

Die Risikoprämie kann dem Vorsorgenehmer oder dem Arbeitgeber in Rechnung gestellt werden. Als dritte Option kann die Prämienfinanzierung über die Belastung des Vorsorgevermögens erfolgen. Im Gegensatz zu den Lebensversicherern, welche mit einem Einzeltarif kalkulieren, offerieren wir einen Kollektivtarif. Unsere Kunden profitieren so von sehr attraktiven Risikoprämien.

 

Bei der Aufnahme einer selbständigen Erwerbstätigkeit besteht keine Pensionskassenpflicht, und das Einkommen ist beim Start oft tiefer als beim letzten Arbeitgeber. Hat die Einkommenshöhe einen Einfluss auf die versicherbaren Leistungen? Gibt es Mindestlaufzeiten für die Versicherungsdeckung?

Ausschlaggebend für die Höhe des Versicherungsschutzes ist das eingebrachte Freizügigkeitsvermögen, nicht die Einkommenshöhe. Im Gegensatz zur weit verbreiteten Schadenversicherung handelt es sich bei unserer Lösung um eine Summenversicherung. Diese bietet dem Vorsorgenehmer den klaren Vorteil, dass im Schadenfall keine Leistungskürzung erfolgt. Die Mindestlaufzeit beträgt 6 Monate. Der Versicherungsschutz kann unter Einhaltung einer dreimonatigen Kündigungsfrist jederzeit aufgelöst werden.

 

Für welche Situationen eignet sich das Versicherungsschutz-Angebot von Independent auch noch?

Die Babypause, eine Weiterbildung oder ein längerer Aufenthalt im Ausland sind sicherlich auch Lebensphasen, wo sich ein zweckmässiger Versicherungsschutz empfiehlt.

 

Independent Versicherungsschutz

 

Säule 3a Lücken füllen

Emmanuel Ullmann

Emmanuel Ullmann ist Mitgründer und Generalsekretär des Branchenverbandes VVS.

Der Verein Vorsorge Schweiz vertritt die Interessen der Säule 3a Einrichtungen, der Freizügigkeitsstiftungen und deren Kunden. Emmanuel Ullmann, Generalsekretär des VVS, beantwortet einige zentrale Fragen von PensExpert.

 

 

Freizügigkeits- und Säule 3a Einrichtungen gibt es schon lange. Der VVS wurde aber erst vor drei Jahren gegründet. Was war der Auslöser für die Gründung?

Wir hatten festgestellt, dass sich alle Stiftungen mit den gleichen Problemen beschäftigen und kein Austausch stattfand. Es brauchte einen zentralen Ansprechpartner für den Dialog mit dem Regulator. Zwar fördert auch der Schweizerische Pensionskassenverband ASIP die Interessen der Pensionskassen. Die Freizügigkeitsstiftungen sind für ihn allerdings eher ein «Nebenprodukt». Und die 3a Einrichtungen werden durch den ASIP gar nicht vertreten. Der VVS «stopft» diese Lücke. Durch unsere überschaubare Grösse sind die Kommunikationswege kurz. Wir können schnell und unbürokratisch reagieren und agieren. So haben wir in unserer dreijährigen Vereinsgeschichte in Bundesbern bereits einige Aktionen anreissen können.

 

Das Bundesamt für Sozialversicherungen versucht, auch den Bereich der Freizügigkeitsstiftungen immer stärker zu regulieren. Kann der VVS solche Regulierungsabsichten verhindern? Wo sehen Sie aktuell dringenden Handlungsbedarf?

Eines unserer Ziele ist, die Systemeffizienz zu fördern. Einer Überregulierung treten wir entschieden entgegen. Wir versuchen, im Dialog und mit Zahlenbeispielen sinnvolle Rahmenbedingungen zu schaffen. Momentan sind einige Regulierungen in der Pipeline. Ich denke da an die beabsichtigten Kapitalbeschränkungen bei der Aufnahme einer selbständigen Erwerbstätigkeit oder im Alter (ELReform). Wir hinterfragen den Nutzen solcher Einschränkungen. Zusätzliche Regulierungen verursachen fast immer Kosten zulasten des Vorsorgenehmers – das kann nicht zielführend sein.

 

Bei den Säule 3a Einrichtungen beabsichtigen Sie, einen 3a Einkauf zu ermöglichen. Was versteht man genau darunter?

Rund 60% der Erwerbstätigen besitzen ein 3a Konto. Doch längst nicht alle Erwerbstätigen zahlen den jährlichen Maximalbetrag ein. Gründe dafür sind u.a. mangelnde finanzielle Möglichkeiten, spätes Interesse für die Vorsorge oder Unterbrüche beim AHVLohn. In all diesen Fällen entsteht eine Säule 3a Lücke. Das heutige System sieht einen späteren Ausgleich dieser Lücke nicht vor – und das finden wir nicht in Ordnung. Es geht also nicht um die Erhöhung der Beiträge, sondern lediglich darum, die Beitragslücken zu füllen.

 

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass die Politik diese Idee wohlwollend aufnehmen wird?

Personen, die zeitweise aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind, können mit einem späteren 3a Einkauf doch noch eine solide private Altersvorsorge aufbauen. Dies hätte auch positive Auswirkungen auf die Altersarmut – das ist auch im Interesse des Staates. So gesehen glauben wir, dass unsere Idee durchaus realistische Chancen auf eine Umsetzung hat.

 

«Die finanzielle Nachhaltigkeit ist längst nicht mehr gesichert»

Dr. sc. techn. Jérôme Cosandey setzt sich als Senior Fellow und Forschungsleiter Finanzierbare Sozialpolitik von Avenir Suisse vorwiegend mit der Altersvorsorge, Gesundheitspolitik sowie mit dem Generationenvertrag auseinander.

Das Dreisäulenkonzept der Schweizer Altersvorsorge ist weiterhin ein Erfolgsmodell. Doch weil der Reformwille fehlt, droht die finanzielle Schieflage. Ein Gespräch mit Jérôme Cosandey, dem Forschungsleiter Sozialpolitik von Avenir Suisse.

 

PensExpert: Sie sind Mitte 40 und müssen noch mindestens 20 Jahre arbeiten. Wie haben Sie ihre persönliche Altersvorsorge organisiert?

Jérôme Cosandey: Ich habe wie die meisten Schweizerinnen und Schweizer die AHV, die zweite Säule meines Arbeitgebers sowie eine steuerbegünstigte Säule 3a, in die ich freiwillig einzahle. Zudem besitze ich Wohneigentum, das ebenfalls einen Teil meiner dritten Säule ausmacht. Zu einer nachhaltigen Altersvorsorge gehören jedoch auch andere Faktoren: Wie und wo wohne ich? Wie kann ich die nötigen Fach- und Sozialkompetenzen entwickeln, um für den Arbeitsmarkt fit zu bleiben? Auch wenn es banal klingt: eine florierende Wirtschaft und die Möglichkeit, dabei einen Job zu haben, sind die wichtigsten Pfeiler einer guten Altersvorsorge.

 

Unsere Altersvorsorge stammt aus den 1970-er Jahren. Ist dieses Dreisäulenkonzept noch zeitgemäss?

Das Dreisäulenmodell ist weiterhin angebracht, weil es auf unterschiedlichen Finanzierungsformen beruht. Die Finanzierung der ersten Säule ist im Umlageverfahren organisiert, d.h. die Lohnbeiträge und ein Teil der Steuern eines Jahres decken die laufenden Renten. Diese Einnahmen hängen primär von der Schweizer Konjunktur ab. Die zweite Säule basiert auf dem Kapitaldeckungsverfahren. Jeder spart grundsätzlich über seine Pensionskasse Gelder für sich, die in der Schweiz, aber auch im Ausland investiert werden. So lässt sich das Finanzierungsrisiko international diversifizieren. Die dritte Säule ist von der Finanzierung her ähnlich wie die zweite Säule. Sie beruht aber auf Freiwilligkeit. In schlechten Jahren kann der Sparplan angepasst werden. Das Dreisäulenmodell bietet somit Risikodiversifikation und Flexibilität. Dieses Grundkonstrukt ist daher nach wie vor zeitgemäss. Es heisst aber nicht, dass alles rund läuft. 

 

Wo sehen Sie den dringendsten Handlungs- und Reformbedarf?

Die finanzielle Nachhaltigkeit der ersten und der zweiten Säule ist nicht mehr gesichert, die Gründe hingegen sind verschieden. Bei der ersten Säule ist es primär demografiebedingt. Da in den nächsten Jahren die geburtenstarken Jahrgänge, die sogenannten Babyboomer, den Arbeitsmarkt verlassen, gibt es viel weniger Leute, die Lohnbeiträge einzahlen werden. Gleichzeitig werden mehr Personen als je zuvor eine Rente beziehen. Bei der zweiten Säule wurden in der Vergangenheit Rentenversprechen abgegeben, die auf Nominalrenditen beruhten. Weil nun aber die Inflation deutlich gesunken ist, sind diese Renditen kaum mehr zu realisieren. Deshalb muss der Umwandlungssatz dringend nach unten angepasst werden. Über das Ob wird heute zum Glück nicht mehr gestritten. Die Frage ist, wie weit dieser gesenkt werden soll und mit welchen begleitenden Massnahmen.

 

Längere Lebenserwartung, hoher Umwandlungssatz, tiefe Zinsen: Blutet die berufliche Vorsorge aus?

Die reale Verzinsung der Sparkapitalien ist immer noch positiv. Aus Sparersicht ist das Kapitaldeckungsverfahren weiterhin lohnenswert. Das Problem ist, dass die Rentnerinnen und Rentner aufgrund zu hoher Umwandlungssätze heute durch die aktive Bevölkerung quersubventioniert werden. Das ist systemwidrig. Dadurch werden zwar die zweite Säule am Leben erhalten und Reformen verzögert, dies jedoch auf Kosten der jüngeren Generationen.

 

Ist das Rentenalter 65 noch zeitgemäss?

Wo sonst, wenn nicht in der Schweiz muss über eine Erhöhung des Rentenalters gesprochen werden? Wir haben eine der höchsten Lebenserwartungen weltweit. Wir haben eine Wirtschaft, die stark vom Dienstleistungssektor abhängig ist, und somit weniger physische Abnützung von den Bürgern verlangt. Und die Erwerbsquote der älteren Mitarbeiter ist sehr hoch, auch im internationalen Vergleich. Dennoch ist die Anpassung des Rentenalters bei uns ein Tabu. Anders läuft es in 17 OECD-Ländern. Diese haben eine Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre oder mehr beschlossen, und zum Teil umgesetzt. Im internationalen Vergleich gehören wir mittlerweile zu den Schlusslichtern.

 

Was halten Sie von der Idee, das Rentenalter an die Lebenserwartung zu koppeln?

Das ist ein interessanter Ansatz, der in Ländern wie Dänemark oder Holland bereits verfolgt wird. Es heisst nicht, dass jeder Tag gewonnener Lebenserwartung am Arbeitsplatz verbracht werden muss. Gemäss einer simplen Rechnung verbringt man heute 40 Jahre im Job und 20 Jahre in Pension. Man könnte die sieben Wochen zusätzliche Lebenserwartung, die man jährlich gewinnt, nach demselben Verhältnis aufteilen. Das hiesse zwar, dass jeder circa vier Wochen später pensioniert würde als seine um ein Jahr älteren Kollegen. Doch trotz dieser verzögerten Pensionierung, die zur finanziellen Sanierung der Vorsorge signifikant beitragen würde, käme jeder Einzelne in den Genuss von rund drei zusätzlichen Wochen in Rente.

 

Gibt es andere Pensionierungsmodelle?

Gefragt sind sowohl bei den Arbeitgebern und Arbeitnehmern flexible Übergänge. Anstatt bis 65 Jahren zu arbeiten und dann schlagartig von 100 Prozent auf 0 Prozent zu reduzieren, wäre es besser, das Arbeitspensum bereits früher schrittweise zu senken. Dafür würde man über das Rentenalter von 65 Jahren hinaus arbeiten.

 

Sehen Sie konkrete Beispiele, die Regulierungsdichte in der beruflichen Vorsorge zu reduzieren?

Es gibt eine Tendenz zunehmend im Bereich des Überobligatoriums zu regulieren. Im vergangenen Jahr hat der Bundesrat z.B. neue Schikanen eingebaut. So gelten für 1e-Pläne strengere Vorschriften bei der Berechnung der maximalen Einkaufssumme als bei klassischen Vorsorgeplänen. Das ist der falsche Weg. Hier müsste die Politik ansetzen.

 

Sie fordern unter anderem die Einführung einer freien Pensionskassenwahl für die Versicherten. Welche Vorteile sehen Sie darin?

Es gibt zunehmend Leute, die nicht nur bei einem, sondern gleichzeitig bei mehreren Arbeitgebern tätig sind. Wenn diese Personen nur eine einzige Pensionskasse hätten, könnten sie alle Lohnbeitrage an einem Ort kanalisieren. Es gibt noch weitere Gründe. Bei einer sogenannten Teilliquidation einer Pensionskasse – zum Beispiel infolge einer Werkschliessung – verlieren die Leute heute nicht nur ihren Job, sondern möglicherweise auch einen Teil ihres angesparten Kapitals, falls die Pensionskasse in Unterdeckung liegt. Bei der freien Wahl der Pensionskassen könnte der Mitarbeiter mindestens sein BVG-Guthaben bei seiner Pensionskasse lassen. Bei der freien Wahl würde sich zudem der Wettbewerb unter den Pensionskassen verstärken und zu einer Konsolidierung des Marktes führen. Nach unseren Schätzungen wären damit jährliche Einsparungen bei den (Vermögens-)Verwaltungskosten von 800 Mio. Franken möglich. Fairerweise muss man sagen, dass im Gegenzug die Marketingausgaben steigen würden.

 

Inwiefern würde die freie Wahl die aktuellen Probleme der Altersvorsorge lösen?

Auf die Problematik der zu hohen Umwandlungssätze hätte die freie Wahl durch die Versicherten kaum Auswirkungen. Aber sie würde die zunehmende Individualisierung der Erwerbsbiografien besser spiegeln und wäre somit eine zeitgemässe Lösung.