Die Anlagepolitik des AHV-Fonds

Manuel Leuthold compenswiss

Manuel Leuthold ist seit dem 1. Januar 2016 Verwaltungsratspräsident des AHV/IV/EO Ausgleichsfonds compenswiss

Was bedeutet die Ablehnung der Altersrentenreform für die Anlagepolitik der AHV? Und inwiefern unterscheiden sich die Anlagestrategien von AHV und Pensionskassen? Im Gespräch mit PensExpert erläutert der Verwaltungsratspräsident des AHV/IV/EO Ausgleichsfonds compenswiss, Manuel Leuthold, einige zentrale Fragen.

 

Nach der Ablehnung der Rentenreform wird der AHVFonds gemäss Schätzungen des Bundesamts für Sozialversicherungen BSV bis 2030 nahezu leer sein. Welchen Einfluss wird dies auf den von Ihnen verwalteten Ausgleichsfonds haben?

Für uns ändert das Ergebnis der Abstimmung nichts am Szenario, mit dem wir seit längerem arbeiten. Dazu gehört, dass wir Risiko und Liquidität dem Zeithorizont anpassen müssen. Daher werden wir weiterhin eine sehr vorsichtige Vermögensverwaltung verfolgen, um unsere drei gesetzlichen Vorlagen einzuhalten. Die erste ist, jederzeit die Liquidität sicherzustellen. Wegen des AHV-Umlageverfahrens ist es unsere Aufgabe, die Kosten für ein ganzes Jahr – also etwa CHF 50 Mrd. – zu decken, um die Renten zu finanzieren. Die beiden anderen Vorgaben sind Sicherheit und eine marktkonforme Rendite. Ab 2018 werden wir auch den Wegfall vorübergehender Stützungsmassnahmen zugunsten der IV und das Ende der Zinszahlungen für die Schulden der IV an die AHV durch den Bund berücksichtigen müssen.

 

Sie haben die Möglichkeit erwähnt, Ihre Anlagen zu diversifizieren und zum Beispiel in Private Equity, in Schweizer Startups oder auch in Hypotheken zu investieren. Wo stehen Sie hier nach der Abstimmung?

In dieser Konstellation sind diese Arten von Anlagen klar nicht vernünftig. Aus Anlageinstrumenten wie Private Equity kann man im Allgemeinen erst nach 10 Jahren zu guten Konditionen aussteigen. Wir brauchen aber Liquidität und regelmässige Erträge, um das jährlich wachsende Defizit der AHV wenigstens teilweise auszugleichen. Hypotheken haben den Vorteil, dass sie in Schweizer Franken abgeschlossen werden und ein wiederkehrendes Einkommen generieren. Aber auch sie bedingen ein langfristiges Engagement. Ohne die hohen Kosten für das Schaffen einer ihr angepassten Verwaltungsstruktur zu berechnen. Auch die Investition in Startups setzt einen langfristigen Zeithorizont voraus. Wir überprüfen alljährlich die Lage der Makroökonomie sowie der Finanzmärkte und passen unsere Allokation entsprechend an. Angesichts der unsicheren Perspektiven besteht aktuell kein Anlass, unsere Strategie zu ändern.

 

Marktportfolio-Allokation per 31.12.2016

 

Die Ausgleichsfonds müssen ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Risiko und Ertrag ermitteln und gleichzeitig einen hohen Bestand an Liquidität bewahren. Wie lösen Sie dieses Dilemma im aktuellen tiefen oder sogar negativen Zinsumfeld?

Im Unterschied zu den Pensionskassen sind wir nicht den Anlagerichtlinien BVV2 unterstellt, was uns eine grössere Freiheit bei der Wahl der Investitionen verleiht. Aber wir müssen sicher sein, dass die erwarteten Erträge mit den Risiken übereinstimmen, die wir uns erlauben können. Unser Risikobudget für Sozialwerke beträgt bezogen auf die Volatilität derzeit etwa 4 %. Die gegenwärtige Lage der Märkte mit einer sehr geringen Volatilität erlaubt uns, traditionell volatileren Anlageklassen höhere Beträge zuzuweisen. Wir hoffen so, mit vertretbarem Risiko höhere Erträge als in der Vergangenheit üblich zu erzielen. Im gegenwärtigen Umfeld sind es Aktien, aber auch festverzinsliche Investitionen in Fremdwährungen und Immobilien, die gut performen.

 

Wie unterscheidet sich die Anlagestrategie des AHVFonds von der Strategie einer Pensionskasse?

Zunächst gilt es festzuhalten, dass eine Pensionskasse mit dem Kapitalisierungansatz arbeitet. Die jährlichen Ausgaben entsprechen daher in etwa einem Zehntel des Vermögens. In unserem Fall belaufen sich die jährlichen Ausgaben auf ca. 130 % des Vermögens. Im Weiteren hängen diese von jeder Kasse sowie dem Profil der Versicherten ab. Aber der grösste Unterschied betrifft den Zeithorizont, der in unserem Fall begrenzt ist. Ich glaube nicht, dass viele Vorsorgeeinrichtungen davon ausgehen, dass ihre Kassen bis 2030 leer sind! Dazu kommt, dass wir aus historischen Gründen kein Immobilienvermögen haben. Auch kenne ich wenige Pensionskassen, die zwei Drittel ihres Vermögens im Ausland investieren, wie wir es wegen unserer Grösse tun.

 

Wie beurteilen Sie den Ruf nach immer höheren Anlagerisiken in der beruflichen Vorsorge?

Es ist zu präzisieren, dass diese Nachfrage vor allem durch den Zwang diktiert wird, höhere Renditen zu erzielen. Die Pensionskassen unterliegen den BVV2-Richtlinien und haben die Verpflichtung, unter anderem den gesetzlichen BVG-Mindestzinssatz zu erwirtschaften. Eine Erhöhung der Anlagerisiken kann sicher dann in Betracht gezogen werden, wenn eine Pensionskasse nach erfolgter Asset- und Liability-Analyse über einen klar positiven Deckungsgrad verfügt. Die Pensionskassen wären aber schlecht beraten, wenn sie die Vorsorgevermögen für Investitionsziele verwenden würden, die nicht im Interesse der Versicherten liegen.

 

 

Pensionskassen und Staat profitieren von Infrastrukturanlagen!

Nationalrat Thomas Weibel regt mit einer Motion an, dass Pensionskassen verstärkt in Infrastrukturprojekte investieren können. Damit könnten die Vorsorgewerke nicht nur ihre Rendite, sondern auch die Schweizer Infrastruktur und damit unsere wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbessern, betont er im Interview mit PensExpert.

Thomas Weibel – Der dipl. Forsting. ETH ist Dozent am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen der ZHAW Wädenswil; er sitzt seit 2007 für die GLP im Nationalrat

 

Herr Weibel, Sie fordern, dass Infrastrukturanlagen in den Anlagebestimmungen für Schweizer Pensionskassen nicht mehr als Unterkategorie der Alternativen Anlagen, sondern als eigene Kategorie geführt werden. Weshalb?

Investitionen in Infrastrukturanlagen sind für Pensionskassen bereits heute zulässig. Sie sind jedoch als Alternative Anlagen kategorisiert, zusammen beispielsweise mit Hedgefonds. Diese gelten als wenig transparent und hochriskant. Entsprechend sind alle Anlagen in dieser Kategorie stigmatisiert.

 

Welche Vorteile haben Infrastrukturanlagen im Vergleich zu Alternativen Anlagen?

Da Infrastrukturanlagen langfristig ausgerichtet sind, können sie stetige, langfristige Erträge generieren. Zudem sind sie wenig von den wirtschaftlichen Zyklen beeinflusst. Eine gut funktionierende Infrastruktur ist eine der Grundvoraussetzungen, damit eine Volkswirtschaft prosperieren kann.

 

Gibt es im Ausland Pensionskassen, die langfristig erfolgreich in Infrastrukturprojekte investiert haben?

Vorreiter sind Länder aus dem angelsächsischen Raum. Die Entwicklung startete in den 1990ern in Australien. In Kanada entstand damals vor allem durch die Tätigkeiten kanadischer Pensionskassen ein Markt für private Infrastrukturinvestments.

 

Welche Renditen können erwartet werden? Und welche Risiken müssen wir dafür eingehen?

Ich gehe davon aus, dass Infrastrukturfonds ähnliche Renditen erzielen wie Private Equity-Fonds. Damit können sie ein solides Element im Anlageportfolio sein. Was die Risiken betrifft, so ist eine generelle Aussage unmöglich. Der Markt ist sehr heterogen. Deshalb sind die Risikoprofile breit gestreut. In der Regel ergeben sich aber potenziell höhere risikobereinigte Renditen als bei anderen Investments.

 

Hierzulande werden bislang die meisten Infrastrukturprojekte von der öffentlichen Hand finanziert. Wie können Pensionskassen zu Investitionen motiviert werden?

Da den staatlichen Organisationen wie Bund, Kantonen und Gemeinden das Geld für die Finanzierung vieler notwendiger Infrastrukturen fehlt, muss vermehrt mit privaten und institutionellen Investoren zusammengearbeitet werden. Solche partnerschaftlichen Projekte werden als Public Private Partnership (PPP) bezeichnet.

 

Sollen sich die Behörden dabei vermehrt zurückhalten?

Der Staat muss sich zurückhalten, da er nicht in der Lage ist, alles Notwendige zu finanzieren. Die Zusammenarbeit mit interessierten und kompetenten Investoren – und das sind die Pensionskassen – erlaubt es dem Staat, sich auf strategische Kernelemente der Infrastrukturen zu beschränken. Dies ist insgesamt eine Win-Win-Situation.

 

Können Sie konkrete Projekte von nationaler Bedeutung nennen, welche auch für Pensionskassen attraktiv sein könnten?

Das Projekt der Gütermetro «Cargo Sous Terrain» wird aktuell von Detailhändlern und Versicherungen getragen. Investitionen in den Bau sind durchaus auch für Pensionskassen geeignet.

 

Die aktuellen Anlagerichtlinien für PK-Vermögen

 

Wie beurteilen Sie das Risiko, dass eine erleichterte Finanzierung Infrastrukturprojekte fördert, welche wenig sinnvoll und umweltgerecht sind?

Es ist davon auszugehen, dass Pensionskassen ihre Anlagen nicht nur genau prüfen, sondern auch sorgfältig tätigen und somit nur rentable Investitionen wählen. Leider werden auch bei Infrastrukturprojekten (noch) nicht alle Umwelt-Folgeschäden eingepreist. Deshalb ist heute nicht auszuschliessen, dass aus Umweltsicht zweifelhafte Projekte finanziert werden, weil sie eine attraktive Rendite erzielen.

 

Der Bundesrat sieht bei Infrastrukturanlagen keinerlei Handlungsbedarf. Dennoch wurde Ihre Motion im Juni vom Nationalrat deutlich angenommen. Was waren die überzeugendsten Argumente?

Einerseits will der Nationalrat den Handlungsspielraum der Pensionskassen bei der Anlage der Vorsorgevermögen vergrössern. Andererseits sollen Infrastrukturprojekte aus der «Schmuddelecke» der Hochrisikoanlagen herausgeholt werden.

 

Falls Ihr Vorschlag auch im Ständerat durchkommt, dürfen Pensionskassen bis zu 10 % ihrer Vermögen in Infrastrukturanlagen anlegen. Das entspricht einer Grössenordnung von gegen 100 Mrd. Franken. Denken Sie, dass diese Quote jemals ausgeschöpft werden wird?

Kurzfristig wird die maximale Quote sicher nicht ausgeschöpft werden können. Aber wichtig ist, dass die Pensionskassen im Interesse ihrer Versicherten mehr Handlungsspielraum erhalten und für Infrastrukturanlagen das Stigma der Hochrisikoinvestition verschwindet.

 

 

Barauszahlung bei Auslandabreise

Beim Wegzug ins Ausland werden die Vorsorgegelder nicht am letzten Wohnort des Vorsorgenehmers, sondern am Sitz der Stiftung besteuert. Was gilt es zu beachten? Lorena Simeon – bei PensFree zuständig für die Abwicklung und Beratung von Barauszahlungen – beantwortet die 6 häufigsten Fragen.

 

1. Können die Vorsorgegelder bei einem Auslandwegzug auch in der Schweiz belassen werden oder muss eine Barauszahlung zwingend erfolgen?

Die Vorsorgegelder müssen nicht bezogen werden. Sie dürfen längstens bis zum 70. Altersjahr (Frauen 69. Altersjahr) in der Vorsorge belassen werden. Viele Kunden schätzen diesen sicheren Schweizer Hafen für ihre Altersvorsorge. Zusätzlich kommt noch der Steuervorteil dazu: keine Vermögens- und Einkommenssteuern, solange die Gelder bei einer Freizügigkeitsstiftung liegen.

 

2. Bei einem Wegzug in ein EU-Land vor dem Pensionierungsalter dürfen nur die überobligatorischen Vorsorgegelder als Barauszahlung bezogen werden. Ist das ein Vor- oder Nachteil bei der Besteuerung?

Die Freizügigkeitsstiftungen der PensExpert AG, PensFree und Independent, haben ihren Sitz beide im Kanton Schwyz, dem Kanton mit den schweizweit tiefsten Quellensteuersätzen. Dabei werden kleinere Vorsorgeguthaben weniger stark besteuert. So gesehen kann dieses Splitting sogar ein Vorteil sein.

 

3. Kann die Barauszahlung der Vorsorgegelder auch auf ein Privatkonto im Ausland erfolgen oder muss der Transfer auf ein Bankkonto in der Schweiz vorgenommen werden?

Gesetzlich ist ein Transfer auf ein ausländisches Bankkonto möglich. Wir empfehlen jedoch ganz klar die Überweisung auf ein Konto in der Schweiz. Die Vorteile: tiefere Bankgebühren und viel weniger Formalitäten.

 

4. Wann ist der frühest mögliche Auszahlungszeitpunkt?

Für die Organisation der Barauszahlung benötigen wir von der bisherigen Wohnsitzgemeinde eine Abmeldebestätigung inkl. Abreisedatum. Die Auszahlung der Vorsorgegelder kann frühestens einen Tag nach dem Wegzugsdatum erfolgen.

 

5. Welche Auswirkungen hat das neue Scheidungsrecht auf Barauszahlungen?

Bei verheirateten Personen (bzw. eingetragener Partnerschaft) müssen zwingend sämtliche Auszahlungsformulare (auch im Pensionierungsalter) vom Ehepartner mitunterzeichnet werden. Aus Gründen der Sorgfaltspflicht verlangen heute alle Stiftungen beglaubigte Unterschriften.

 

6. Wie wird die Kapitalauszahlung im Ausland fiskalisch behandelt?

Die Besteuerung ist sehr unterschiedlich. Wir empfehlen immer, dieses Thema mit einem lokalen Steuerberater zu klären.