Offene Steuerbaustellen in der 2. Säule

Max Ledergerber

Max Ledergerber war bis 2016 Mitglied der Arbeitsgruppe Vorsorge bei der Schweizerischen Steuerkonferenz; er arbeitet heute als selbständiger Steuerberater

Die Altersreform 2020 sah nicht nur vorsorgerechtliche, sondern auch verschiedene fiskalische Änderungen vor. Nach der Ablehnung durch das Volk bleibt unklar, ob und wann diese Steuerthemen wieder auf den Tisch kommen. Der Steuerexperte Max Ledergerber nimmt zu drei wichtigen Themen Stellung.

 

Selbständigerwerbende

Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Es gibt immer mehr Selbständigerwerbende ohne eigenes Personal oder Berufsverband. Gemäss dem beruflichen Vorsorgegesetz können sich solche Selbständige nur noch der Auffangeinrichtung anschliessen. Die Altersreform wollte das ändern. Wird der Fiskus diese strenge Handhabung nach der Ablehnung des Reformpaketes aufrecht erhalten?

Die Änderung sah vor, dass sich ein Selbständigerwerbender auch einer anderen Vorsorgeeinrichtung anschliessen kann. Der Botschaft zur Gesetzesänderung konnte aber auch entnommen werden, dass mit dieser Möglichkeit keine neue «À-la-carte-Versicherung» für Selbständigerwerbende entstehen soll. Vielmehr müsse der Grundsatz der Kollektivität stets eingehalten werden.

Fazit

Eine weitere Öffnung wäre für die Selbständigerwerbenden wünschenswert. Ansonsten bleibt nur der Zwang, eine juristische Person (GmbH, AG) zu gründen. Als Angestellter seiner eigenen Firma ist der Firmeninhaber obligatorisch BVG-versichert. In diesem Fall kann er sich auch als einziger Versicherter einer Sammeleinrichtung anschliessen («virtuelle Kollektivität»). Es ist nicht einzusehen, weshalb diese «virtuelle Kollektivität» nicht auch für Selbständigerwerbende gelten kann.

 

Scheidungseinkauf und Sperrfrist 

Bei Einkäufen in die Pensionskasse gilt für Kapitalbezüge eine dreijährige fiskalische Sperrfrist. Diese Regelung gilt aber nicht für Scheidungseinkäufe. Trotzdem hat es in letzter Zeit Kantone gegeben, welche die dreijährige Sperrfristregelung auch bei Scheidungseinkäufen angewendet haben. Die Altersreform 2020 wollte Klarheit schaffen, d.h. keine Sperrfrist bei Scheidungseinkäufen. Werden nach dem Nein an der Urne noch mehr Kantone diese Sperrfrist verlangen?

Im Urteil vom 18.7.2016 gelangte das Bundesgericht zum Schluss, dass die dreijährige Kapitalbezugssperre nach einem Einkauf nicht nur aus vorsorgerechtlicher, sondern auch aus steuerrechtlicher Sicht grundsätzlich nicht auf Wiedereinkäufe nach einer Scheidung anwendbar ist. Allerdings hielt es fest, dass die Prüfung einer Steuerumgehung im Einzelfall vorbehalten bleibt. So wurde im erwähnten Fall der darlehensfinanzierte Einkauf der Scheidungslücke – 14 Jahre nach der Scheidung – mit kurz darauf erfolgendem Kapitalbezug als Steuerumgehung beurteilt. Der Wiedereinkauf wurde steuerlich nicht zum Abzug zugelassen. Demgegenüber kam das Bundesgericht im Urteil vom 14.6.2017 bei einer Scheidung im Jahr 2007 und zeitnahen Wiedereinkäufen der Scheidungslücke zum Schluss, dass durch den Kapitalbezug im Jahr 2013 keine Steuerumgehung zu erblicken sei. Die Einkäufe der Jahre 2011 und 2012 wurden steuerlich zum Abzug zugelassen.

Fazit

Bei zeitnahen Wiedereinkäufen nach der Scheidung darf in der Regel keine Steuerumgehung angenommen werden. Bei länger zurückliegenden Scheidungen und Wiedereinkäufen der Scheidungslücke kurz vor der Pensionierung kann bei Kapitalbezügen eine Steuerumgehung geprüft werden.

 

Teilpensionierung und Anzahl Kapitalbezüge

Die Altersreform 2020 wollte auch beim Thema Teilpensionierung Klarheit schaffen und maximal drei Teilkapitalbezüge zulassen. Wie geht es bei diesem Thema weiter?

Es gibt bisher keine Rechtsprechung zur Frage, wie viele Kapitalbezüge bei Teilpensionierungsschritten zulässig sind. Nach der geltenden Praxis erlauben die meisten Kantone maximal zwei Kapitalbezüge. Bei mehreren Teilpensionierungsschritten sollte im Vordergrund stehen, dass diese nicht in erster Linie dem gestaffelten Bezug der Altersleistungen mit Brechung der Steuerprogression dienen, sondern aus betriebswirtschaftlicher Sicht des Unternehmens sinnvoll sind – und auch tatsächlich von einer entsprechenden Reduktion des Arbeitspensums begleitet werden. Entscheidend ist somit, dass die Teilpensionierung tatsächlich «gelebt» wird!

Fazit

Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann nach meinem Dafürhalten auch ohne gesetzliche Grundlage eine schrittweise Pensionierung mit drei Kapitalbezügen nicht als Steuerumgehung bezeichnet werden.

 

Freizügigkeitskonti mit attraktiven Renditen und Renten

Fabio Preite ist Co-Geschäftsführer der Independent Freizügigkeitsstiftung

Unternehmen mit Sozialkompetenz entlassen loyale ältere Arbeitnehmer, wenn überhaupt, nur in Verbindung mit einer grosszügigen Frühpensionierung. Denn wer ab 55 seine Stelle verliert, hat oft Mühe, eine neue Stelle zu finden. Ältere Entlassene haben zwar während gut zwei Jahren Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung. Die zweite Säule muss aber neu geregelt werden. Ohne Frühpensionierung wird das Pensionskassenkapital auf ein Freizügigkeitskonto überwiesen. Damit verliert der Stellensuchende die Möglichkeit, sein Vorsorgekapital zu verrenten. Die Renten sind zurzeit recht attraktiv. Denn die Umwandlungssätze der Pensionskassen werden in der Schweiz politisch bestimmt und sind nach wie vor zu hoch.

 

PensExpert bzw. deren Freizügigkeitsstiftung Independent hat diese Probleme schon vor Jahren erkannt und attraktive Lösungen für diese und andere Fälle entwickelt. So ermöglicht Independent, das Freizügigkeitskapital in Anlagestrategien anzulegen, die höhere Renditen erbringen als die offizielle Verzinsung des Pensionskassenkapitals. Strategien, welche gemäss Anlagevorschriften des Berufsvorsorgegesetzes anlegen, erbrachten in den vergangenen zehn Jahren jährliche Durchschnittrenditen von 3,5 bis 4%. Im überaus erfreulichen Anlagejahr 2017 waren es sogar bis zu 10%.

 

Ab Alter 59 bei Frauen bzw. 60 bei Männern kann das Freizügigkeitsguthaben als Kapital bezogen werden. Dabei kann das bestehende Portfolio ohne Transaktionskosten ins Privatvermögen überführt werden. Da in der ungebundenen und freien Vorsorge keine restriktiven Anlagevorschriften gelten, kann eine Strategie verfolgt werden, die langfristig noch höhere Renditen abwirft. Per Saldo ist es möglich, das bezogene Kapital in Eigenregie oder mit Hilfe des Anlageberaters in eine Rendite umzuwandeln, welche den Vergleich mit einer Pensionskassenrente nicht zu scheuen braucht. Wer zum Zeitpunkt der Auszahlung an einem steuergünstigen Ort wohnt, spart zudem noch Steuern.

 

Wer auf ganz sicher gehen will, kann aber auch seit 2015 bei Independent den überobligatorischen Teil des Freizügigkeitsvermögen in eine Rente wandeln. Dabei liegt der Umwandlungssatz klar über demjenigen einer vergleichbaren Leibrenten- bzw. Lebensversicherungslösung. Diese Rente kann sehr flexibel und individuell ausgestaltet werden und von Frauen ab 59 und von Männern ab 60 bezogen werden. Sogar die Höhe der Ehepaar- bzw. Partnerrente kann bestimmt werden. Je nach gewünschten Leistungen entrichtet Independent einen Umwandlungssatz von 3,4 bis 5% für einen 65-jährigen Mann.

 

Dieser Umwandlungssatz ist absolut marktgerecht und kompetitiv. Umwandlungssätze über 5% sind wegen der tiefen Zinsen sowie der hohen Lebenserwartung zu hoch. Deshalb findet in der zweiten Säule immer noch eine immense Umverteilung zu Gunsten der Rentner und zu Lasten der aktiven Generation statt. Die Pensionskassen haben denn auch begonnen, ihre Umwandlungssätze zu senken. Gerade hat die PK der UBS kommuniziert, dass sie ihre Umwandlungssätze schrittweise auf 4.4% im Jahr 2026 senkt!

 

Mehr zum Rentenmodell von Independent unter https://www.independent-stiftung.ch/de/lebenslaengliche-altersrente/

 

 

Die Anlagepolitik des AHV-Fonds

Manuel Leuthold compenswiss

Manuel Leuthold ist seit dem 1. Januar 2016 Verwaltungsratspräsident des AHV/IV/EO Ausgleichsfonds compenswiss

Was bedeutet die Ablehnung der Altersrentenreform für die Anlagepolitik der AHV? Und inwiefern unterscheiden sich die Anlagestrategien von AHV und Pensionskassen? Im Gespräch mit PensExpert erläutert der Verwaltungsratspräsident des AHV/IV/EO Ausgleichsfonds compenswiss, Manuel Leuthold, einige zentrale Fragen.

 

Nach der Ablehnung der Rentenreform wird der AHVFonds gemäss Schätzungen des Bundesamts für Sozialversicherungen BSV bis 2030 nahezu leer sein. Welchen Einfluss wird dies auf den von Ihnen verwalteten Ausgleichsfonds haben?

Für uns ändert das Ergebnis der Abstimmung nichts am Szenario, mit dem wir seit längerem arbeiten. Dazu gehört, dass wir Risiko und Liquidität dem Zeithorizont anpassen müssen. Daher werden wir weiterhin eine sehr vorsichtige Vermögensverwaltung verfolgen, um unsere drei gesetzlichen Vorlagen einzuhalten. Die erste ist, jederzeit die Liquidität sicherzustellen. Wegen des AHV-Umlageverfahrens ist es unsere Aufgabe, die Kosten für ein ganzes Jahr – also etwa CHF 50 Mrd. – zu decken, um die Renten zu finanzieren. Die beiden anderen Vorgaben sind Sicherheit und eine marktkonforme Rendite. Ab 2018 werden wir auch den Wegfall vorübergehender Stützungsmassnahmen zugunsten der IV und das Ende der Zinszahlungen für die Schulden der IV an die AHV durch den Bund berücksichtigen müssen.

 

Sie haben die Möglichkeit erwähnt, Ihre Anlagen zu diversifizieren und zum Beispiel in Private Equity, in Schweizer Startups oder auch in Hypotheken zu investieren. Wo stehen Sie hier nach der Abstimmung?

In dieser Konstellation sind diese Arten von Anlagen klar nicht vernünftig. Aus Anlageinstrumenten wie Private Equity kann man im Allgemeinen erst nach 10 Jahren zu guten Konditionen aussteigen. Wir brauchen aber Liquidität und regelmässige Erträge, um das jährlich wachsende Defizit der AHV wenigstens teilweise auszugleichen. Hypotheken haben den Vorteil, dass sie in Schweizer Franken abgeschlossen werden und ein wiederkehrendes Einkommen generieren. Aber auch sie bedingen ein langfristiges Engagement. Ohne die hohen Kosten für das Schaffen einer ihr angepassten Verwaltungsstruktur zu berechnen. Auch die Investition in Startups setzt einen langfristigen Zeithorizont voraus. Wir überprüfen alljährlich die Lage der Makroökonomie sowie der Finanzmärkte und passen unsere Allokation entsprechend an. Angesichts der unsicheren Perspektiven besteht aktuell kein Anlass, unsere Strategie zu ändern.

 

Marktportfolio-Allokation per 31.12.2016

 

Die Ausgleichsfonds müssen ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Risiko und Ertrag ermitteln und gleichzeitig einen hohen Bestand an Liquidität bewahren. Wie lösen Sie dieses Dilemma im aktuellen tiefen oder sogar negativen Zinsumfeld?

Im Unterschied zu den Pensionskassen sind wir nicht den Anlagerichtlinien BVV2 unterstellt, was uns eine grössere Freiheit bei der Wahl der Investitionen verleiht. Aber wir müssen sicher sein, dass die erwarteten Erträge mit den Risiken übereinstimmen, die wir uns erlauben können. Unser Risikobudget für Sozialwerke beträgt bezogen auf die Volatilität derzeit etwa 4 %. Die gegenwärtige Lage der Märkte mit einer sehr geringen Volatilität erlaubt uns, traditionell volatileren Anlageklassen höhere Beträge zuzuweisen. Wir hoffen so, mit vertretbarem Risiko höhere Erträge als in der Vergangenheit üblich zu erzielen. Im gegenwärtigen Umfeld sind es Aktien, aber auch festverzinsliche Investitionen in Fremdwährungen und Immobilien, die gut performen.

 

Wie unterscheidet sich die Anlagestrategie des AHVFonds von der Strategie einer Pensionskasse?

Zunächst gilt es festzuhalten, dass eine Pensionskasse mit dem Kapitalisierungansatz arbeitet. Die jährlichen Ausgaben entsprechen daher in etwa einem Zehntel des Vermögens. In unserem Fall belaufen sich die jährlichen Ausgaben auf ca. 130 % des Vermögens. Im Weiteren hängen diese von jeder Kasse sowie dem Profil der Versicherten ab. Aber der grösste Unterschied betrifft den Zeithorizont, der in unserem Fall begrenzt ist. Ich glaube nicht, dass viele Vorsorgeeinrichtungen davon ausgehen, dass ihre Kassen bis 2030 leer sind! Dazu kommt, dass wir aus historischen Gründen kein Immobilienvermögen haben. Auch kenne ich wenige Pensionskassen, die zwei Drittel ihres Vermögens im Ausland investieren, wie wir es wegen unserer Grösse tun.

 

Wie beurteilen Sie den Ruf nach immer höheren Anlagerisiken in der beruflichen Vorsorge?

Es ist zu präzisieren, dass diese Nachfrage vor allem durch den Zwang diktiert wird, höhere Renditen zu erzielen. Die Pensionskassen unterliegen den BVV2-Richtlinien und haben die Verpflichtung, unter anderem den gesetzlichen BVG-Mindestzinssatz zu erwirtschaften. Eine Erhöhung der Anlagerisiken kann sicher dann in Betracht gezogen werden, wenn eine Pensionskasse nach erfolgter Asset- und Liability-Analyse über einen klar positiven Deckungsgrad verfügt. Die Pensionskassen wären aber schlecht beraten, wenn sie die Vorsorgevermögen für Investitionsziele verwenden würden, die nicht im Interesse der Versicherten liegen.